Prinzessin "Maggi"

Das Schloss von Langenselbold

Autorin: Prinzessin Margarete v. Isenburg

(geschrieben 1983 zur Stadterhebung von Langenselbold)

Verlinkungen (unterstrichen): später eingefügt R. Habermann

Man sieht nicht, dass es ein Schloss ist, überhaupt nicht. Zwei völlig gleiche Flügel stehen in geziemendem Abstand nebeneinander: zwei Stockwerke hoch aus Bruchsteinen und Mansarddach aus Schiefer. Der rechte Flügel war der einstige Schüttboden. Heute ist er, innen umgestaltet, das Rathaus. 

Der identische linke Flügel ist das Schloss. Erklärbar ist dies durch die unabdingbare Forderung des 18. Jahrhunderts: Symmetrie in der Gestaltung des Außenbaus. Das war allgemein. Im unteren Schlosshof von Weilburg sind der Prinzessinnenbau rechts und der gegenüberliegende Marstall völlig gleich gestaltet.

Zurück zu Langenselbold. Das Schloss ist der jüngste und abschließende Bau der Gesamtanlage. Diese stellt sich als ein langes und breites Rechteck dar, an den Seiten von den großen Herrenscheuern und unten von zwei niedrigen Hofbauten abgeschlossen Man denkt fast an einen sehr großen Gutshof, was es in gewissem Sinne für die relativ ausgedehnten fürstlichen Liegenschaften war.

Über der Mitte des „Hofes“ wurde der so genannte Schlosspark angelegt, mit einem Teich mit Springbrunnen in der Mitte. Aber der Garten war nicht abgeschlossen weitergeführt zwischen den beiden Hofhäusern, wo heute noch Teil der schmiedeeisernen Balustrade steht, glitt er abwärts über Terrassen bis hinunter ins Kinzigtal, ca. 500 m weiter als die heutige Schwimmanstalt. Bauherr des Gebäudekomplexes war Graf Wolfgang Ernst III. von Isenburg-Birstein. In den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts begonnen, scheinen die Arbeiten zügig vorangegangen zu sein. 

Es fehlte nurmehr das „Schloss“, d.h. der als Herrensitz vorgesehene Flügel. Aber dann kam eine Unterbrechung, als um 1730 der Kirchenbau in Angriff genommen wurde. Anlass war die Kirche, die Johann Reinhard, Graf von Hanau; in Steinau an der Straße durch seinen Baumeister Christian Ludwig Hermann errichten ließ. Wolfgang Ernst schien von dem Bau beeindruckt oder war sein Ehrgeiz angestachelt? Er leiht sich vom Hanauer Grafen den Baumeister, wie einst in den dreißiger Jahren für die Errichtung des Archivbaues in Birstein. Hermann übertrifft sich in Langenselbold. Es ist bei weitem der schönste seiner Kirchenbauten. Mit der Hinwendung der Fassade zum Schloss wird die Kirche in die Gesamtanlage einbezogen. Natürlich muss man sich die heutige breite Straße wegdenken.

So nimmt es nicht wunder, dass der Schlossbau in Langenselbold erst zu Beginn der fünfziger Jahre begonnen werden konnte. Auf dem geplanten Bauplatz hatten in der Zwischenzeit zwei Bauern ihre Fachwerkhäuser aufgerichtet. Bei der langatmigen Rechtsprozedur von damals bedurfte es zweier Jahre, um einen genehmen Platz aufzufinden, wo die Häuser neu aufgeschlagen werden durften. So verzögerte sich der Baubeginn bis 1752. 

Unterdessen war Wolfgang Ernst III. Fürst geworden und hieß nun Wolfgang Ernst I. Und der Schlossbau erschien ihm angezeigt, da er ihn zum Wohnsitz seines zweiten Sohnes Christian Ludwig bestimmte. Ob Hermann bei der Planung herangezogen wurde, habe ich damals, als ich mich damit beschäftigte, aus den Unterlagen nicht ersehen können, aber es ist wohl anzunehmen. Es gibt einen Brief vom Langenselbolder „Keller“ — das ist soviel wie Rentmeister — an Hermann, ob man nicht aus einem näheren Steinbruch billigere Steine beziehen könnte. Doch Hermann antwortete, „dass genau die gleichen Steine verwendet werden sollten, damit die beiden Gebäude einander gleichen.“ Und so geschah es: die Mauern aus Bruchsandsteinen, nur die Ecken und die den Mittelteil einfassenden Lisenen aus gehauenen Sandsteinen. Die Fassade ist einfach: je 11 Fenster in beiden Stockwerken über dem hohen Kellergeschoss. Die drei mittleren Fenster jeweils etwas zusammengerückt, von Plattenstreifen, die den Ecklösungen gleichen, eingerahmt. Die Haustüre, deren Rahmung bis zum Gesimsband des ersten Stockes heraufreicht, hat eine achtstufige Freitreppe, genau wie am heutigen Rathaus. Es ist eine Fassade ohne Zierrat, ohne Ornament nicht anders als an den üblichen Gutshöfen der Gegend, d.h. nur ein wenig größer. Der gesamte Bau ist unterkellert. Alle Keller sind gewölbt. Der Hauptkeller an der Südseite, mehr als die halbe Breite des Baukörpers umfassend, erstreckt sich zwischen den Tragmauern (90 cm dick), die bis zur Mansarde aufsteigen. Zwischen diesen Tragmauern erstrecken sich zwei gleich große übereinander liegende Säle. 

Sie sind jeweils von einem großen Raum flankiert, an den sich ein schmälerer Raum anschließt. Natürlich nicht an der Seite des Treppenhauses. (Manches ist auch im Laufe der Zeit an einigen Stellen verändert worden). Aber im unteren Stockwerk war noch ein zweiter Saal, der Musiksaal. Er umfasste die heutigen Bibliotheksräume und den breiten Gang daneben. Im 19. Jahrhundert verlieh man Schlösser wie Taschentücher. Und als die Hessen-Barchfelds hier einzogen — auf 2 Jahre glaube ich — haben sie den Saal in eine Küche umfunktioniert. (Die Schlossküche war ursprünglich im „Rathaus“, unten an der linken Seite — man hatte die Küche möglichst außerhalb des Hauses — und ein entsprechender kleiner Eingang am Schlossbau). Nach dem Inventar war der Musiksaal ganz weiß, mit zartem Stuck verziert. Die Barchfelds malten ihn grün. Ein scheußliches Grün, kann ich mich erinnern. Aber am Ende des 19. Jahrhunderts hatte man darum kein schlechtes Gewissen.

Der schönste Raum ist der Marmorsaal. Er trägt den Namen nicht ganz zu Recht, denn er ist aus „Stucco lustro“ (poliertem Stuck). Aber er sieht eben aus, als ob er aus Marmor wäre, aus einem lichten hellgrau gewölkten Marmor. Das war im 18. Jahrhundert allgemein üblich. Alle Festsäle waren aus Stuck, auch die großen Treppenhäuser wie in Schloss Brühl. Ja, auch die herrlich bunt schimmernden Säulen waren aus Stuck. So kann man dem Saal vom optischen Gesichtspunkt seinen Namen belassen. Obwohl nur von mäßiger Höhe, ist er in seiner Helligkeit leicht schwebend gestaltet. Die weißen Türen in den Ecken, und über den Türen hellgelbe Stuckfelder, ein reizvoller und im 18. Jahrhundert einmaliger Farbklang zum kühlen Grau. Die Decke ist nicht mehr original. 1911 senkte sie sich in der Mitte um 28 cm. Die Balken gaben nach. Erst wurde abgestützt, dann wurden eiserne Balken eingezogen. Schade. Aber der Raum schwingt trotzdem, und die herrliche unbeschwerte Handschrift des weißen Stuckes auf dem grauen „Marmor“ blieb unzerstört.

Jetzt muss ich noch eine Geschichte erzählen. Wie erwähnt, baute Wolfgang Ernst das Schloss für seinen Sohn Christian Ludwig. Der muss reizend gewesen sein, gelehrt, amüsant und in die Schönheit verliebt. Er war Deutschordenskomtur von der Balley Marburg. Sein großer Freund war Friedrich II. von Hessen-Cassel. An dessen Hofe weilte damals Johann August Nahl, der einstige Stuckateur Friedrichs d. Gr., einer der begabtesten Stuckateure des Rokoko. Was lag näher, als Friedrich zu bitten, ihm den Stuckateur für Langenselbold zu leihen? Es gibt keine Akten darüber. Aber die Handschrift Nahls strahlt von allen Wänden. Der Saal ist nach zwei Prinzipien gestaltet. Einmal die klaren Akzente der streng gerahmten Spiegel über den Kaminen. Und dann durch die strengen weißen Stucklinsen, die die einzelnen Felder trennen. Und in die Felder schreibt Nahl mit Stuck zarte Gewinde mit Bändern, an denen „Croissants“, halbmondförmige geöffnete Bögen, hängen, die Flügel haben. Und Gruppen von kleinen frechen Konsolen, die aus der Wand springen wie kleine geschwänzte Blütenschalen. Im 18. Jahrhundert standen bunte Chinesenfiguren darauf. Aber niemals gleicht ein Feld dem anderen. Gegenüberliegende Felder zeigen gleiche Motive - aber mit Variationen.

Nahl hat einstmals die Goldene Galerie in Charlottenburg geschaffen. Langenselbold ist der einzige Ort, wo seine heiter spielende Handschrift aus der Mitte des 18. Jahrhunderts weiter lebt.  

Ich will nicht das ganze Schloss schildern. Nur zwei Zeilen über den großen Salon. Er war einstmals weiß. Barchfelds strichen ihn braun. Das ist leichter zu bewohnen. Und auf einer Bespannung von hellgrüner Moire-Seide hingen die Porträts der Komturen des Deutschen Ordens. Über einem der großen Kamine hängt noch heute das Porträt des damaligen Hochmeisters Clemens August Wittelsbach, Kurfürst von Köln. Sehr elegant, von Georges Desmarees gemalt. Der weiße Ordensmantel mit dem schwarzen Kreuz ist lässig ausgebreitet und wie eine reife Himbeere ruht der rote Kurhut auf einem Samtkissen.

Und noch eine Merkwürdigkeit: Drei Räume sind mit Seidentapeten des 18. Jahrhunderts bespannt, chinesisch bemalt, mit Ranken, Vögeln und Päonien. Solche Tapeten sind kaum in Deutschland erhalten. Deshalb stehen sie auch unter Denkmalschutz noch vor dem Schloss.

Aber das steht jetzt vor allem unter dem Schutz der Gemeinde. Und ich hoffe, bei aller Veränderung etwas von seinem Charme und der Heiterkeit seines Wesens über die Zeiten hin bewahrten wird. Die schönen Konzerte im Marmorsaal sind ein Auftakt, ein Gruß an den so sehr der Musik zugeneigten Christian Ludwig. Vielleicht hört er zu.