Die Geschichte des Klosters zu Selbold

Nach einer Schulabschlussarbeit von Heinz Häfner, Langenselbold den 20 November 1955

Von allen Punkten des Dorfes Langenselbold gut sichtbar liegt ein breit auslaufender Hügel, der Klosterberg. Es ist uralter geschichtlicher Boden, dessen Einfluss sich auf weite Punkte des Kinzigtales geltend machten.

Einst stand auf diesem Hügel, wie der Name „Klosterberg“ erläutert, ein Kloster.

Man vermutet, dass bereits um das Jahr 1000 n.Chr. fünf Weltgeistliche und eine Gräfin das Kloster-Stift „St Johann Baptiste“ gründeten. Seine Insasse waren Kanoniker, die jedoch keine Mönche sondern nach den Regeln der Augustiner lebende Geistliche waren. Die Ordnung des Klosters war ungebunden, die Anfänge waren bescheiden. Zunächst waren auch Frauen in dem Kloster. Um das Jahr 1100 lebte der fromme „Graf Dietmar von Selbold“ bekannt auch als „Graf von Gelnhausen“. Für die Seelenruhe seiner verstorbenen Gattin Adelheid, und auch für die Vergebung seiner und seiner Angehörigen Sünden wollte er ein Kloster stiften. Er sandte den Priester Rabenaldus vom Orden der Augustiner nach Rom. Am 16. Oktober 1108 bestätigte der Papst Paschalis II den Plan und gab die Erlaubnis, in Selbold neben der Kirche, die nach St. Johannes dem Täufer genannt war, auf dem heutigen Klosterberg „regulierte Kanoniker“ anzusiedeln. Unter „regulierte Kanoniker“ versteht man, wie bereits erwähnt, unter den Regeln(der) des hl. Augustin lebende Geistliche (Chorherren). Es waren in der Gemeinschaft lebende Geistliche (canonici), die nicht als wahre Mönche angesehen wurden (monachi). Um 1139 nahmen sie die noch strengen Gesetze des Klosters Premontre an und wurden deshalb „Prämonstratenser“ genannt. Es war also ein Chorherrenstift, eine Stiftung zum gemeinsamen Leben eines Kollegiums von Priestern, nach dem an der Selbolder Johanniskirche offenbar schon lange vorher Priester gewirkt hatten. Im Volksmund heißen sie die „Weiße Brüder“.

Zu dem Stift Selbold gehörten später die Tochterklöster Meerholz und Konradsdorf, die Kirchen und Kapellen in Gelnhausen, Mittlau, Gondsroth, Neunhaßlau, Lieblos, Niedergründau, Roth und anderwärts. Durch den Grafen Dietmar und andere Stifter, auch durch Kauf und Tausch, erlangte das Kloster viele Güter und Berechtigungen. Das Kloster Selbold wurde mächtig und war seiner strengen Zucht und Ordnung wegen im ganzen Kinzigtal und weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt und geachtet. Die „Schwarzen Mönche“, von deren streng gebundenen Lebensweise uns Dr. Martin Luther berichtet, der ihnen angehörte, schufen ein großes Kloster, dessen Besitzungen weit ausgedehnt waren. Es legte Musterhöfe, wie den „Baumwieserhof“ (Bennewiesen 1238) und „Bruder-Diepach“ (Diebach 1236), den Klosterhof in Hüttengesäß und “Lindenloh“ (Linnes) bei Selbold an. Bei der Abgrenzung des Gebietes zwischen dem Kloster und seiner Tochtersiedlung in Meerholz 1173 überließ Selbold alle Einkünfte von Klostergütern südlich der Kinzig und auch von Orten nördlich dieses Flusses den Nonnen in Meerholz, da die Frauen nach 1139 in das Nonnenkloster Meerholz übertreten mussten. Späterhin erwarb es wieder Besitz. – An der Spitze des Klosters stand ein Propst. (Praeprostitus). Erst im Jahre 1343 verlieh der Abt Johann Premontre dem Kloster Selbold Titel und Rechte einer Abtei. Seit dieser Zeit, bis zur Auflösung des Klosters in der Reformationszeit 1543, trug der Klostervorsteher den Namen „Abt“. Noch heute heißt ein Waldstück nördlich von Langenselbold die Abtshecke.

Ab 1343 war der Abt Vorsteher der gesamten Abtei. Meistens entstammten sie benachbarten Adelsfamilien. Die Namen „Helfrich von Rückingen“, „Johann und Friedrich von Rüdigheim“ und „Johann von Bleichenbach“ bestätigen diese Annahme. Herbord, Rüdiger, Konrad, Herterich und Konrad Olfer werden als Prior, das heißt Klosterälteste, in Chroniken genannt. Eigentlicher Klostervorsteher war bis 1343 der Probst, von da an aber nur noch Verwalter des Selbolder Klosters und seiner Güter. Genannt werden: Gelerdo, Adelger, Werner und Hermann, Johannes, Wigand und Heinrich.

Die Kanoniker unterscheidet man in Kleriker (Clerus) d.h. Geistliche und Laienbrüder. Die Geistlichen wurden in der Klosterschule zu Selbold ausgebildet und dann Pfarrer in den Kirchen oder Kapläne in den Kapellen der Abtei, so „Ullrich von Niedergründau“, „Wigand“ in Selbold und „Konrad von Feuchtwangen“ in Gelnhausen. Die Stiftsgeistlichkeit in Gelnhausen bestand aus dem Stadtpfarrer (plebanus), Vikar und Kaplänen, die außer der Marienkirche in Gelnhausen auch noch die übrigen Kirchen und Kapellen zu betreuen hatten.

Die Laienbrüder waren je nach ihren Fähigkeiten Pförtner, Keller (Verwalter), Köche, Schreiber, Krankenpfleger, Büchereiverwalter, Maler und Gärtner im Kloster und außerhalb auf den Klosterniederlassungen und Gütern Verwalter, Bauern, Müller oder Hirten.

Das Ordensgewand der Prämonstratenser bestand aus Rock (Habit), Kragen Kragen (Koller) und Tuchüberwurf (Skapulier) in weißer Farbe. Um die Hüften schlagen sie einen Gürtel, der in 2 Enden herabfiel, Wolle und Leinen für die Kleidung lieferten die Klostergüter. Auf der Strasse besonders aber im Winter, trugen sie einen weißen Mantel mit Kapuze und einen weißen Hut. („Weiße Brüder“) Die Nahrungsmittel bezogen sie zum Teil von ihren selbstbewirtschafteten Gütern. Von den auswärtigen Besitzungen aber lieferten die Pächter jährlich als Zins den „Blut und Fruchtzehnten“. Ein solches Güterregister aus dem Jahre 1370 ist noch erhalten.

Die Lebensweise der Brüder richtete sich hauptsächlich nach den Regeln des hl. Augustin, die nach dessen Lehren von 8. Jahrhundert an zusammengestellt worden waren und deren 12 Kapitel unter anderem forderten: „Einträchtiges zusammenleben, Übung in Demut und Gehorsam, besonders gegen die Oberen und gegen die Ordensregeln, fleißiges Beten zu bestimmten Zeiten, Pflege der Kranken, Keuschheit und Ehelosigkeit“. Die Wirksamkeit der Selbolder Chorherren war sehr segensreich. Ihnen ist vor allem der Bau oder doch wenigstens die Erneuerung vieler Kirchen unserer Heimat zuzuschreiben, und zwar hatten sie eine Vorliebe für den Bau von Kirchen mit mehreren Türmen die sie gern Maria weihten. Die Laienbrüder aber wirkten vorbildlich als Verwalter der erwähnten Musterhöfe.

Um die Mitte des 15. Jahrhunderts gaben sich die Insassen des Selbolder Chorherrenstifts einem üppigen Leben hin. Anstatt die „Horen“ (die vorgeschriebenen Stundengebete) zu singen, pflegten sie der Ruhe oder feierten große Gastmähler. Der Schirmvogt des Klosters, Graf Johann von Isenburg, überfiel mit seinen Knechten im Jahre 1372 das Kloster und verwüstete es nach dem er sich aller Kostbarkeiten bemächtigt hatte. Die Beschwerden des Abtes bei Papst und Kaiser hatten zur Folge, dass der Isenburger verbannt wurde. Doch der Isenburger kehrte sich wenig daran. Er fiel bei einem ritterlichen Turnier am Rhein. Das Kloster jedoch hat sich seit dieser Zeit nie wieder richtig erholt. Nur die feste Zucht und Ordnung erhielten das Kloster noch fast 200 Jahre. Im Mai des Jahres 1525 wurde das Kloster von Bauern des Gerichts Gründau überfallen und ausgeraubt. Die Gebäude blieben verschont. Nach dieser Zeit waren die meisten der Insassen auf weltliche Pfarreien verzogen. Der Abt blieb mit wenigen treuen Brüdern im Kloster zurück, wo sie nur kümmerliches Dasein fristeten. Da entschloss sich der letzte Abt des Klosters Selbold, Konrad Jäger, das Kloster samt seinen Gütern und Rechten an den Grafen Anton I. von Isenburg zu verkaufen. Am 27. Februar 1543 wurde der Kaufvertrag abgeschlossen. Damit endet die Geschichte des Klosters Selbold. Heute erinnert uns nur noch die Ortsbezeichnung „Klosterberg“ daran, dass einmal ein wohlhabendes Kloster hier bestand, das die Geschichte der Gemeinden im Kinzigtale und über die Landesgrenzen hinaus bestimmte.

Die einzige sichtbare Erinnerung an das alte Kloster Selbold ist der am Renteigebäude eingemauerte Grabstein des Abtes Johann Antel (+ 1518), Interessant war es für mich zu erfahren, dass noch heute der Altar des Klosters Selbold in der Marienkirche zu Gelnhausen steht. Erwähnenswert ist noch ein Stiftungsbild, ein Fresko aus dem 15. Jahrhundert, das vermutlich den Abt vor der heiligen Maria mit Kind kniend darstellen soll. Das Fresko ist ebenfalls im Besitz der Gelnhäuser Marienkirche.

Geschichtliches von 1108 - 1722

1108 Papst Paschalis II. gibt Graf Dietmar von Selbold (auch von Gelnhausen genannt), die Genehmigung zum Bau des Augustiner Chorherrenstifts in Selbold (Kloster).

1139 Umwandlung in ein Prämonstratenser Chorherrenstift (Kloster) - weißer Orden.

1343 Erhebung des Klosters zur Abtei durch Abt Johann von Prèmontrè.

1372 Plünderung des Klosters durch die Grafen Heinrich + Johann von Isenburg.

1511 Abtstein an der Rentei - Grabmal des Abtes Johann Antel zu Krotzenburg.

1525 Plünderung und Verwüstung des Klosters während der Bauernkriege.

1543 Der letzte Abt, Konrad Jäger, übergibt dem Grafen Anton I. von Isenburg das Kloster. Das Stift hatte nach über 400 Jahren aufgehört zu bestehen.

1696 Bau des Oberstocks der Rentei in reichem Fachwerk auf spätmittelalterlichen Grundmauern (wahrscheinlich vom Kloster Selbold).

1722 Beginn des Abrisses der letzten Gemäuer des Klosters Selbold durch die Isenburger.